KRAN (2) – Ausschnitt

Yoga kann man sich weder bei Kränen noch bei Kranführern vorstellen. Außerdem ist Yoga in Philosophie und Praxis unvereinbar mit dem Christentum. Zumindest mit der katholischen Kirche. Jede Yogaübung ist einer heidnischen Gottheit geweiht – man kann das nicht Verchristlichen. Jesus hat uns alles gegeben. Wir brauchen sowas nicht. Deshalb machen Kräne kein Yoga. Und Kranführer auch nicht. Obwohl man sich Yogis immer in großer Höhe in Askese lebend vorstellt. 70 Jahre ohne Essen und Trinken. Kranführer essen zur Brotzeit eine Leberkäs-Semmel. Ein Yogi würde mit einer Leberkäs-Semmel reden. Oder auf der Leberkäs-Semmel meditieren. Über einen Haufen in Brand gesetzter Leberkäs-Semmeln laufen. Vielleicht brächte er die Leberkäs-Semmel und sich selbst zum Schweben. Der Kranführer kaut einfach und sagt nix. Ganz katholisch.

 

 

Ein übergewichtiger Mann hat einen Kollaps erlitten. Vielleicht ein bisschen zu oft nachts um 2 an den Kühlschrank gegangen. Und um 3. Und um 4. Nach eigenen Angaben ist er 260 Kilo schwer

Zuerst sind 2 Rettungskräfte vor Ort. Sie fordern Verstärkung an. 4 Rettungskräfte sind vor Ort. Sie schütteln den Kopf. Der Weg von der Haustür zum Rettungswagen kann nicht zurückgelegt werden. Hilflos telefonieren sie mit ihren Handys. Die Kollegen kommen mit einem Großraum-Krankenwagen, in den man sonst die schwerstverletzten nach einem Flugzeugabsturz oder nach einem Eisenbahnunglück oder nach einem Amoklauf legt. Das Einsatzfahrzeug ist mit einem speziellen Traumatisierungsdunstabzug ausgestattet. 8 Rettungskräfte stehen vor dem Fleischberg. Sie wissen nicht wie sie das Fleisch abtransportieren sollen. Als würde man eine ganze Metzgerei abholen. Sie telefonieren wieder.

Die Feuerwehr rückt an. 15 Mann mit einem Kran. Ein Kran kann Leben retten. An den Haken des Krans montieren sie eine Korbschleiftrage. Während der Fleischberg in den Rettungswagen gehievt wird, lächeln die Feuerwehrleute. Sie sind entspannt. Sie wissen: Das gibt ein schönes Video bei You Tube.

Der 260-Kilo-Mann überlebt. Im Krankenhausbett lächelt er schon wieder und reckt seinen erhobenen Daumen in eine Kamera. Das sind seine 15 Minuten Ruhm. Im Interview sagt er: „Ich lasse mir ein Magenband einsetzen. Ich muss einfach weniger werden.“

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>