Meine erste Weihnachtsgeschichte

 

X-mas-Invaders

Weihnachten greift dich dann an, wenn du am wenigsten damit rechnest.

Bei mir ist es Ende August soweit gewesen. Ich habe mich dagegen gewehrt, so gut ich konnte, aber na ja…

Doch von Beginn an:

An einem richtig heißen oberfränkischen Sommertag war ich zu einer ausgiebigen Radeltour aufgebrochen. Weiß schon: „Oberfränkischer Sommertag“ kling paradox, kommt aber alle paar Jahre mal vor. Vor der sportlichen Betätigung im Freien schön eingecremt, um nicht hinterher so auszuschauen wie die Engländer, die sich mir während meines Urlaubs am Swimming-Pool entgegenschleppten. Zombiesk in verkrustete Hautlappen gehüllt. Immer bereit, die Haut vom Restkörper zu verabschieden, um sie dann später zusammengefaltet im Handgepäck mitzunehmen. Also ich immer schön mit dem Rad durch die oberfränkische Landschaft. Bergauf, bergab, bergauf, bergab. Gefühlt immer mehr bergauf als bergab. Verschwitzt legte ich eine Pause am Untreusee ein. FKK-Badestrand. Okay, Strand ist übertrieben: Sagen wir FKK-Zone. Ich rein ins Wasser. Schön kalt. Im ersten Moment wie Rasierwasser auf der ganzen Haut. Danach raus aus dem Wasser und mit geschlossenen Augen im Gras liegend sonnentrocknen lassen. Mit geschlossenen Augen im Gras liegend offenbaren sich die Nachteile der FKK-Zone. Es gibt einen Typen, der unglaublich laut spricht – und wenn ich „laut“ sage meine ich „laut laut“. Der hat zu allem eine Meinung. Zu wirklich allem. Jugendkriminalität. Kein Problem. Jugendliche raus. Langeweile. Kein Problem – Schafkopfkarten raus. Konflikt im Nahen Osten. Kein Problem. Palästinenser raus. Juden raus. Alle raus. Man kann gar nicht genug Sonnencreme in die Ohren schmieren, um sich vor der lauten Stimme des FKK-Alleinunterhalters in Sicherheit zu bringen. Selbst sehr zähflüssige Sonnencreme mit Schutzfaktor 50 hilft nicht. Schwachsinn kommt halt doch überall durch. Da kannst du nix machen.

Gerade als ich mich mit einem dezent meditativen Schlummerzustand angefreundet hatte, ertönte der Hallo-Wach-Ruf: „Weihnachsstollen!“

Vorsichtig öffnete ich die Augenlider. Halb. Bloß nicht zu viel Aufmerksamkeit vortäuschen.

Jemand Weihnachsstollen?“

Schon war der Typ durch die nackten Leiber unterwegs und verteilte Weihnachtsstollen. Ein schneller Blick, um abzuschätzen, wie weit mein Fahrrad entfernt stand und die anderen Fluchtwege zu sondieren. Um über den Wasserweg zu entkommen, schwimme ich nicht gut genug. Unnachgiebig wurde der Stollen verteilt. Als der lebende Lautsprecher bei mir ankam, hielt er mir ein Stück Weihnachtsstollen direkt vor die Nase. Fett Rosinen und Orangat. Dahinter baumelte sein Penis. Es gibt Dinge, die will man sich nicht zu Essen vorstellen.

Danke, nein.“

Der FKK-König schaute mich vorwurfsvoll an.

Willst du wirklich Außenseiter sein?“

Vorsichtig schaute ich mich um. Lauter nackte Leute, die weihnachtstollenkauend in meine Richtung glotzten.

Für mich ist das voll okay“, erklärte ich. „Außenseiter und so.“

Der braungebrannte Typ schaute mich verständnislos an.

Eine frühkindliche Störung“, sagte ich entschuldigend.

Seine Theo-Waigel-Augenbrauen zogen sich zusammen.

Bist du etwa einer von diesen Anti-Weihnachts-Bolschewiken?“

Ich zuckte hilflos mit den Schultern. Wenn du nackig bist, schaut es besonders hilflos aus, wenn du mit den Schultern zuckst. Vor allem, wenn ein Zweieinhalb-Zentner-Mann über dir steht. Scheiße, dachte ich, hoffentlich lässt sich der Typ nicht auf dich fallen.

Ich hab bloß keinen Hunger. Außerdem wollte ich gerade gehen.“

Iss!“

Die Rosinen waren jetzt sehr nah vor meinen Augen. Tastend suchte ich meine Unterhose.

Iss!“ brüllte der Weihnachsstollen-Fanatiker und startete sofort den Versuch, das Backwerk in meinen Mund zu pressen. Das Orangat blieb in meinen Brusthaaren hängen, während die Rosinen auf mein Gemächt runterpurzelten. Natürlich wehrte ich mich. Aber so eine Auseinandersetzung zwischen nackten, eingecremten Männerkörpern ist kein Kindergeburtstag. Man kriegt den anderen nirgendwo zu fassen. Jedenfalls nicht an gesellschaftlich anerkannten Stellen. Natürlich haben die bei der antiken Olympiade auch nackt gekämpft – aber im klassisch Griechisch-Römischen-Stil wird ja der ganze Unterkörper ausgeblendet. Wenn du dich mit einem wütenden Kerl aus einer anderen Gewichtsklasse über den Rasen wälzt, verschwimmen solche Feinheiten. Ich konnte den perfekten Griff setzen. Die Körperstelle kannte mein Gegner bis dahin gar nicht… Darüber will ich lieber nicht reden.

Aufspringen und rennen. Ich erreichte das Fahrrad vor der sonnengebräunten Zombie-Horde, die hinter mir her war. Ohne Unterhose nahm ich natürlich nicht den Weg über den Kinderspielplatz. Ich weiß ja, was sich gehört. Auf dem Saale-Rad-Weg verursachte ich Auffahrunfälle innerhalb einer geführten Ausflugsgruppe, die mit Segway Ein-Personen-Transportern unterwegs war. Der Nachbarshund, der sonst immer kläfft, wenn ich vorbei fahre, glotzte nur blöd. Da begriff ich das erste Mal, dass ich mich erfolgreich gegen Weihnachten gewehrt hatte. Trotzdem wusste ich: Eine gewonnene Schlacht, entscheidet noch nicht den Krieg.

Einen Tag danach drückte ich in meinem Nahversorgungszentrum einer Verkäuferin meinen deutlich Missmut über das aufgebaute Weihnachssortiment aus und schilderte die Vorkommnisse des vorangegangenen Tages. Sie versicherte mir, dass sie ein Gütesiegel hätten, weil sie einen besonders humanistischen Verkaufsansatz verfolgen. Aus diesem Grund würden die Gitterboxen auch erst Ende August mit Lebkuchen, Stollen, Weihnachtsplätzchen befüllt, obwohl die Lieferung bereits seit Anfang August im Lager vergammelt.

Ich versuche, mit den Vorkommnissen des letzten Sommers klar zu kommen, in dem ich seither ein eher buddhistisches Glaubenskonzept verfolge. Jetzt sehe ich Weihnachten gelassener. Ungefähr so gelassen wie eine Zahnwurzelbehandlung. Diese Form fatalistischer Gelassenheit empfehle ich auch meinen Mitmenschen. Warum haben sich die Kirchen darüber aufgeregt, dass der Hofer Weihnachtsmarkt noch vor dem Totensonntag beginnen sollte? Tote gibt es das ganze Jahr. Okay, wahrscheinlich wäre es klüger gewesen, den Weihnachtsmarkt nach hinten auszuweiten. Dann hätte man gleich die Auferstehung noch mit abdecken können. Der Kampf zwischen Schokonikoläusen und Ostereiern wurde sowieso spätestens zugunsten der Eier entschieden, seit die Überraschungseier ganzjährig vertrieben werden.

Mittlerweile sehe ich Weihnachten voll entspannt. Ich meditiere viel. Und Lebkuchenbier schmeckt nicht mal wirklich nach Lebkuchen. Von einer Teewurst erwartet ja auch keiner, dass sie nach Tee schmeckt. Tatsächlich schmeckt das Lebekuchenbier nicht mal nach Bier. Also: Keep calm and drink. Neulich hatte ich allerdings einen Rückfall. In einem Jähzornsanfall zerschmetterte ich mein Radio auf dem gefliesten Küchenboden. Nur wirklich bösartige Menschen äußern als Hörerwunsch in einer Radiosendung eine Woche vor Weihnachten ausgerechnet „Last Christmas“. Ist doch so. Ich habe Verständnis für mich.

Ich lese eine Weihnachtsgeschichte. Meine erste. Stilecht mit weißem Bart und Yeti im Hintergrund.

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Last-Minute-Xmas-Signierstunde

Last-Minute-Signurstunde in der Vogtländischen Buchhandlung, Zenkergasse 2, 08468 Reichenbach/Vogtland. Nette Autoren signieren, plauschen und lesen ungewöhnliche Weihnachtsgeschichten.

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Schnappschuss

Von Werner im NörgelEck (Biotop im Galeriehaus Hof) in Papierform (!) überreicht bekommen: Ein Foto von der Buchvorstellung meines neuen Romans ELEMENTARSCHADEN - mit Regula Fischbach und Dominic Kriegel. Das Bild hat Werner Weinelt höchstpersönlich geknipst. Alles streng halb-analog. Deshalb Kunst und nix für digitale Foto-Messis.

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Erste Rezension zu ELEMENTARSCHADEN

Hier die erste Rezension zu ELEMENTARSCHADEN:

http://www.frankenpost.de/regional/feuilleton/Skurriles-Leichtgewicht;art6787,2978116

Zitat:

“Was den speziellen Roland-Spranger-Sound betrifft, so fallen auch diesmal wieder der versierte Szenenaufbau und das hohe Tempo der schnörkellos kurzen Sätze auf, erst recht in den Dialogen, auf die sich der erfahrene Stückeschreiber … besonders versteht. Auch mancherlei Versatzstücke aus der Populärkultur, vom Comic bis zur Fernsehserie, bereichern das Buch. Für Unterhaltung ist gesorgt.”

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