Wie ich die Zeit bis zum Glauser-Preis überbrückt habe (Erlebnisaufsatz)

 

Als ich Anfang Februar erfuhr, dass mein Thriller KRIEGSGEBIETE für den Friedrich-Glauser-Preis in der Königskategorie „Roman“ nominiert worden ist, stürzte ich laut schreiend aus meinem Arbeitszimmer die Treppe hoch. Zuerst war Anna, meine Frau, geschockt. Sie dachte, ich hätte mich verletzt. Finger eingeklemmt in der Tastatur. Zeh angestossen, weil ich wegen des letzten Spiels meines Lieblings-Fußball-Clubs gegen irgendwas getreten habe (tatsächlich gab es an dem Wochenende einen Heimsieg).

Es war aber wie Fußball – plötzlich im Endspiel. Da kochen Emotionen hoch: Wir fahren nach Bern. CRIMINALE. CRIMINALE. Wir fahren nach Bern. FINALEFINALEFINALE.

Bei 330 von Verlagen vorgeschlagenen Büchern ist schon die Nominierung ein Ritterschlag. Die Gesetze der Mathematik sind sehr sehr wirklich sehr sehr streng.

Einen Tag denken:

You are a winner, baby.

Und dann:

Alle anderen Bücher, die so weit kommen, müssen auch ziemlich gut sein. Mindestens ziemlich. Wahrscheinlich sehr gut.

Noch so lange bis zu diesem warmen Frühlingstag im April. Er wird nasskalt sein. Das weiß ich noch nicht. Ich stell es mir anders vor.

Die Zeit zerdehnt sich.

Leute gratulieren mir. Für noch nichts.

Oder sagen, dass sie an mich glauben.

Da erschrecke ich meistens ein wenig – ich zweifle ja manchmal an mir – und sage: „Den Ball flach halten. Wir können nur an das Wunder von Bern glauben.“

Genau so hätte es der Bundestrainer gemacht. Ich lerne aus Fernsehinterviews. Immerhin.

Dazwischen fahre ich zur Buchmesse und lese, während unentwegt im Hintergrund Teller klappern und Menschen in einem Ganzkörper-Fuchs-Kostüm durch die Gegend latschen. Vielleicht sind es auch Füchse in einem Fuchskostüm.

Die Zeit zerdehnt sich.

Ich arbeite gerne mit der Zeit, wenn ich schreibe. Jetzt arbeitet die Zeit mit mir. Ich werde nervös. Natürlich lasse ich mir das nicht anmerken. Ich bin ja nicht doof. Sport hilft. Rennen wie ein Blöder. Schwitzen. Ich verhalte mich schon wie der Protagonist in meinem Roman.

COOL bleiben!, befehle ich mir. Und natürlich bleibe ich cool. Die Witterung macht es leicht. Der Winter dauert zu lang. Und die Bundesliga ist zu langweilig.

Dann nimmt die Zeit Geschwindigkeit auf.

Durch die Schweiz fahren. Ich denke an Obelix, der danach gefragt, wie die Schweiz denn so sei, mit einer schnittigen Handbewegung antwortet: „Flach“. Die Berge bleiben eingehüllt in Regen. Auch der Panorama-Blick aus meinem Hotel zaubert sie nicht hervor, sondern nur die Schneefallgrenze nach unten. Ich überbrücke die Zeit. Fahre mit meiner Frau in der Straßenbahn durchs Berner Botschaftviertel. Schau mal, da ist ist die Vertretung von Ecuador. Flaniere durch die wunderschöne Altstadt (Weltkulturerbe!). Trinke ein Bier mit einer Freundin. Nutze die Hotel-Sauna.

Dann gehe ich zum „Tango Criminale“. Lerne viele nette Leute kennen. Aber es hilft ja nix: Ich warte auf den Moment. DEN Moment, in dem der Name des Preisträgers der Kategorie „Bester Roman“ aus dem Umschlag gezogen wird.

Ein langer Abend, der mich ein wenig an die Eröffnungsfeierlichkeiten zu Fußballweltmeisterschaften erinnert. Eine Übung in Geduld. Nach der Pause nimmt der “Tango Criminale” Geschwindigkeit auf. Die Ereignisse überschlagen sich:

Der Ehren-Glauser geht an den grandiosen Gunter Gerlach – aus irgendeinem Grund ist der Preis fürs Lebenswerk durchsichtig, während die anderen Preise schwarz sind. Vermutlich steckt eine philosophische Überlegung dahinter, die sich mir nicht erschließt. Anschließend ist es eeeennndlich so weit:

Die Nominierten in der Sparte “Bester Roman” werden noch einmal vorgestellt. Adrenalin wird in mir ausgestoßen, bis alle Körperhärchen aufgestellt sind. Ich blödle kurz mit Anna rum (eine Übersprunghandlung), dann wird der Umschlag von Sabina Altermatt in einem sagenhaften Paillettenkleid geöffnet. Sie macht es ein klein wenig spannend. Und lässt geschickt noch eine Pause. Bevor sie meinen Namen verliest.

Einen Moment bin ich kurz ausgeblendet. Als würde wie bei AKTE X so ein Scan von oben bis unten durch mich fahren. Meine Seele ist ganz weiß. Ich bin glücklich.

Und schon sitze ich mit dem Glauser auf der Bühne in einem roten Sessel. Ich überlege mir, ob der Preis in meinen Händen schön ist. Ja, ER ist sehr schön. Jedenfalls gewichtig. In einer Laudatio wird meine Arbeit minutenlang gewürdigt.

Wann wird man schon mal minutenlang gelobt?

Das ist es, denke ich mir.

Die Zeit ist okay.

Die Glauser-Preisträger (von links): Gunter Gerlach (Ehrenglauser), Regina Schleheck (Bester Kurzkrimi), Roland Spranger (Bester Roman), Marc-Oliver Bischoff (Bester Debüt-Krimi), Susan Kreller (Bester Kinder- und Jugendroman) - Foto: Nina George